2020: Rien ne va plus!

Der VDV-Jahresrückblick 2020

Rien ne va plus – nichts geht mehr. Nur dass es kein Spiel ist, sondern bitterer Ernst. „Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst!“, so der eindringliche Appell der Bundeskanzlerin. Es ist DAS Corona-Jahr, geprägt von Lockdowns, von Videokonferenzen und vom täglichen Blick auf Inzidenzwerte, visualisiert anhand von Geodaten. Gleichwohl: es gibt auch geodätische Highlights.

Januar

Das Jahr beginnt ganz unschuldig mit den üblichen Neujahrsempfängen, beispielsweise in Bielefeld, wo man sich zum mittlerweile traditionellen Grünkohl fachlich und privat über die Pläne des kommenden Jahres austauscht. Die Wuppertaler hingegen starten mit einem italienischen Essen – nachdem sie vorher noch dem Gasbehälter Heckinghausen aufs Dach gestiegen sind. Die Sachsen-Anhaltiner indes besichtigen in Gernrode die weltgrößte Kuckucksuhr außerhalb des Schwarzwaldes und machen sich anderseits auf der Bildungs-, Job- und Gründermesse für Mitteldeutschland auf die Suche nach dem geodätischen Nachwuchs. Letzterer ist auch das Hauptthema der traditionellen Klausurtagung der Präsidenten von BDVI, DVW und VDV, die sich diesmal im Kloster Wennigsen am Deister treffen. Es wird der Auftakt des Nachwuchsportals „Weltvermesserer“ werden, das noch im Laufe des Jahres freigeschaltet wird. Und mit der 1. Geodäsiekonferenz im Freistaat Sachsen „Digitale Welten“ soll die wohl letzte größere (Präsenz-)Fachtagung für Geoinformatik und Geodäsie in diesem Jahr stattfinden. Aber das weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner.

Februar

Der Februar ist – geodätisch gesehen – zunächst geprägt von Fachveranstaltungen des BILDUNGSWERK VDV. Es geht um BIM und Gleisbau; danach aber geht nichts mehr, zumindest in Präsenz. Und sonst? Google Maps feiert seinen 15. Geburtstag und Niedersachsen beginnt mit der Erstellung einer Open-Data-Strategie, etwas, was der VDV schon seit Jahren fordert. Nach Science Fiction hingegen klingt der Vorschlag zweier Forscher, die Nordsee vom Atlantik zu trennen. Dämme zwischen Frankreich, Großbritannien und Norwegen sollen so vor dem Meeresspiegelanstieg schützen. Kaum einen Schutz hingegen gibt es gegen das Coronavirus, das sich, zunächst noch relativ unbeachtet, immer mehr ausbreitet, in nächster Zeit aber wie ein unaufhaltsamer Tsunami die Welt überschwemmen wird.

März

Am 11. März ruft die Weltgesundheitsorganisation WHO eine Pandemie aus. Nur wenige Tage später wird in Deutschland das öffentliche Leben weitestgehend heruntergefahren und der Begriff Homeoffice wird für viele zur plötzlichen Realität. Videokonferenzen werden Normalität und Social Distancing neben dem MNS (Mund-Nase-Schutz) das überlebenswichtige Mittel der Wahl. 1,5 Meter sind jetzt das Maß aller Dinge. Flatten the curve lautet das Motto und habt Geduld, bis wir einen Impfstoff haben, denn um es mit Goethe zu sagen: „Nicht Kunst und Wissenschaft allein, Geduld will bei dem Werke sein. Ein stiller Geist ist Jahre lang geschäftig“ (Faust). Stimmt leider, auch wenn bereits zum Jahresende der erste Impfstoff vorliegen wird. Warum aber die Deutschen Klopapier hamstern, die Franzosen Rotwein und Kondome und die Amerikaner Waffen, das erschließt sich keinem so richtig. Aber man weiß ja nie. Wie es hingegen um die Verbreitung des Coronavirus steht, das ist jetzt allabendlich in den Nachrichten zu sehen. Was außer uns Fachleuten wohl kaum einer bemerkt: es handelt sich bei den Darstellungen um visualisierte Geodaten auf Basis des von der Firma Esri Deutschland entwickelten ArcGIS-Dashboards. Geodaten im Dienste der Krisenbewältigung. Sehr gut!

April

Aufgrund der coronabedingten Einschränkungen entdecken viele Menschen in sich ungeahntes Potenzial, erforschen neue Möglichkeiten, entfalten ihre Innovationskraft. Ein sehenswertes Beispiel hierfür ist das virtuelle Landkartenmuseum in Kynceľová, einem 370-Seelen-Dorf in der Slowakei, dem einzigen Museum seiner Art in Mitteleuropa. Ein virtueller Besuch lohnt sich. Damit die Zeit, die wir alle gezwungenermaßen immer mehr Zuhause verbringen, nicht nur als Einschränkung erlebt wird gibt’s das aktuelle VDVmagazin ausnahmsweise auch für Nichtmitglieder kostenlos im Web verfügbar. Gute Nachricht auch aus Sachsen-Anhalt: Die ALK ist nun öffentlich für jeden einsehbar. Das kommt zwar spät, aber immerhin. Und im kommenden Jahr werden dann auch digitale Landschaftsmodelle, digitale Gelände- und Oberflächenmodelle und topografische Karten kostenfrei verfügbar sein. In Nordrhein-Westfalen beschließt derweil der Landtag das „Gesetz zur konsequenten und solidarischen Bewältigung der COVID-19-Pandemie in Nordrhein-Westfalen und zur Anpassung des Landesrechts im Hinblick auf die Auswirkungen einer Pandemie“. Klingt umständlich, ist aber wichtig, denn es beinhaltet auch Regelungen zum Verfahren bei Grenzterminen bei einer Vermessung.

Mai

Und nochmal gute Nachrichten aus Sachsen-Anhalt: Hier kann Fachhochschulen für ihre forschungsstarken Fachrichtungen künftig das Promotionsrecht zuerkannt werden. VDV und ZBI fordern das schon lange. Großartig, dass das jetzt möglich ist. Weiter so! Letzteres kann man auch den Kolleginnen und Kollegen aus Dortmund und Bayern-Süd zurufen, die zu virtuellen Stammtischen einladen. Schön, zu sehen, wie kreativ die Bezirke das Verbandsleben auch in Corona-Zeiten aufrechterhalten. Wegen des „kurzen Anreiseweges“ können übrigens jetzt auch weiter entfernt wohnende Kollegen an den Stammtischen teilnehmen. Und natürlich halten sich bei der bayerischen Variante auch alle an das vorgegebene Motto „Lederhosn und Laptop“. Wirklich! Der Vorteil solcher Stammtische aus dem heimischen Wohnzimmer: man versteht auch diejenigen, die bei Präsenztreffen in der Kneipe weiter weg am Tisch sitzen. Dafür laufen dann auch schon mal Anverwandte oder Haustiere durchs Bild. Es „menschelt“ im VDV – und das ist auch gut so!

Juni

Erstmals in seiner Geschichte tagt der Bundesvorstand des VDV per Videokonferenz. In der 4-stündigen Sitzung wird hochkonzentriert gearbeitet, es gibt viele konstruktive Diskussionen und natürlich gute Entscheidungen für unseren Berufsstand. Dass die digitale Sitzung am ersten deutschen Digitaltag stattfindet ist übrigens Zufall, denn der Sitzungstermin war bereits vor einem Jahr vereinbart worden. Damals allerdings als Präsenzveranstaltung.

Digitale Veranstaltungen macht auch das BILDUNGSWERK VDV, beispielsweise zu „Überwachungsvermessungen an einem Brückenbauwerk im Sub-mm-Bereich“ Ein sehr gut besuchtes Webinar, zu dem sich sogar ein Kollege aus Australien zuschaltet. Dass man sich aber auch mit Abstand „live“ treffen kann, beweisen 16 unerschrockene GEObiker bei einer Tour durch den Oderbruch und die Märkische Schweiz. Hinderlich sind diesmal nicht die Abstandsregeln, sondern vielmehr Regen und Gewitter. Naja, man kann eben nicht alles haben.

Juli

Der Zustand der Welt ist beklagenswert, meint Mojib Latif, Preisträger des diesjährigen GOLDENEN LOTES. Die Preisverleihung wird in den nächsten Monaten aus bekannten Gründen leider um ein Jahr verschoben werden müssen, die Stichwörter, wie Klimawandel und Biodiversität, aber bleiben. Ebenfalls bleibt es dabei, dass VDV, DVW und BDVI gemeinsam Nachwuchspreise an die prüfungsbesten Vermessungstechniker vergeben, so beispielsweise in Lebach/Saarland. Als Tradition darf bereits die Aktionswoche Geodäsie gelten, die es jetzt schon zum vierten Male in Baden-Württemberg gib. In diesem Jahre zwar etwas eingeschränkt, dafür aber mit viel Freude. Die gibt es auch in Rostock. Dort wird nämlich die erste erhaltene Kopie einer Karte des Seefahrers und Kartographen Amerigo Vespucci aufgefunden. Dem Mann, nach dem der von Kolumbus entdeckte Kontinent benannt wurde.

August

Die alljährliche Tour von drei VDV Fahrradenthusiasten führt in diesem Sommer vom 1214 m hohen Fichtelberg durch das Zschopautal bis in die sächsische Landeshauptstadt Dresden. Insgesamt werden sportliche 260 km erfahren. Naja, geht ja auch bergab 😉. Bergauf dagegen geht es mit dem Instagram-Account „Weltvermesserer“, der jetzt offiziell an den Start geht. Dort gibt’s viele außergewöhnliche Bilder aus unserem Berufsfeld, die hoffentlich auch eine ebensolche Wirkung auf potenziellen Nachwuchs ausüben. Ungewöhnlich auch eine Vermessung von Feuerwehrtauchern an einem Schiffswrack aus dem II. Weltkrieg in der österreichischen Donau. Wegen schlechter Sicht muss dieses Unternehmen leider abgebrochen werden. Nicht ganz alltäglich ist auch die Mitwirkung beim Aufbau eines Katasters in Nicaragua. Das hat nämlich Ulrich Gaesing, VDV-Mitglied aus Bielefeld, gemacht und wird dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Glückwunsch!

September

Der Bundestag schafft wichtige Voraussetzungen, um Investitionen im Infrastrukturbereich schneller und effektiver umsetzen zu können. Auch die Baubranche profitiert von der Beschleunigung der Planungs- und Genehmigungsverfahren. An der sehr intensiven, Lobbyarbeit mit abzustimmenden Stellungnahmen sind auch der VDV und sein Dachverband ZBI beteiligt. Dank Videokonferenzen sind solche Treffen auch kurzfristig mit vielen Beteiligten umsetzbar.

30 Jahre ist es nun her, dass die VDV-Landesverbände Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gegründet wurden. Grund genug für die Vorstände der drei Landesverbände, das Jubiläum zwischen zwei Lockdowns am mitteldeutschen Dreiländereck nahe der thüringischen Stadt Lucka zu feiern. In Dortmund gibt es derweil eine Exkursion zur DB-Strecke Lünen-Münster mit Vorträgen zu den dortigen Vermessungsarbeiten. Präsenzveranstaltungen entwickeln sich zu begehrten Highlights.

Oktober

INTERGEO goes digital. Mit dabei der VDV, der in Windeseile einen kompletten digitalen Messestand mit Videos, Bildern und virtueller Live-Diskussion zusammenbaut. 240 Besucher aus 27 Ländern schauen rein. Respekt! Und damit auch unsere Nachwuchskampagne weiter vorangetrieben wird, gibt es einen Branchentalk mit den Führungsspitzen von AdV, BDVI, DVW und VDV. Thema: Was macht den Beruf des Geodäten so spannend, was sind die großen Themen, die Herausforderungen? Wirklich interessant. Wer’s nachhören mag, wird bei YouTube fündig. Weil aber live immer noch besser ist als virtuell, gibt es – natürlich unter Beachtung der Hygiene- und Abstandsregeln – im Bezirk Düsseldorf eine gut besuchte Präsenz-Mitgliederversammlung. Ebenso in Sachsen-Anhalt, wo mit dem Ersatzneubau Strombrückenzug eine der spannendsten Baustellen Magdeburgs besichtigt wird. Spannend dürfte auch der Bericht über die Reise des Forschungsschiffs Polarstern werden. Die ist nämlich soeben nach einjähriger Drift durch die Arktis zurückgekommen und dem Vorbereitungsausschuss des VDV-Bundeskongresses ist es tatsächlich gelungen einen der drei Kapitäne für den Festvortrag unserer Tagung im kommenden Jahr zu gewinnen. VDV: Wir verbinden Ingenieure!

November

Lang’ hat’s gedauert, aber jetzt ist es endlich soweit: Der Bundesrat stimmt dem von der Bundesregierung vorgelegten Entwurf der Verordnung zur Änderung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) ohne Änderungen zu. Damit kann die geänderte HOAI wie geplant zum 1. Januar 2021 in Kraft treten. Und auch der Verkehrsausschuss des Deutschen Bundestages macht den Weg frei für ein Planungsbeschleunigungsgesetz, um weitere Potenziale für die Umsetzung wichtiger Infrastrukturprojekte zu realisieren. Dass im Hintergrund dafür zahlreiche Stellungnahmen und Positionspapiere an die Politik herangetragen werden müssen, sei nur am Rande erwähnt. Solche berufsständischen Positionen werden oft in Vorstandssitzungen vorbereitet, so beispielsweise in der Videokonferenz des Landesvorstandes Nordrhein-Westfalen. Fachlich zur Sache geht’s hingegen beim Online-Stammtisch des VDV Bayern-Süd. Lisa Knopp berichtet in einem coolen Vortrag über ein heißes Thema: „Brandflächen-Kartierung aus dem All“. Super gemacht! Gratulation auch an den Bayern Frank Pöhlmann. Der wird nämlich vom Bundesvorstand des VDV für eine weitere Amtszeit als VDV-Vizepräsident bestätigt.

Dezember

Der Dezember verspricht ruhig zu werden. Kein Wunder, steht doch, gemeinsam mit dem Christkind, wiederum ein bundesweiter Lockdown vor der Tür. Gleichwohl gibt es – natürlich nur virtuell – mehrere schöne Weihnachtsfeiern in den VDV-Bezirken. Lediglich für Getränke und Kekse muss jeder selbst sorgen. Die Stimmung ist gut. So auch in der beliebten Fernsehsendung „Wer weiß denn sowas“ mit Bernhard Hoëcker, Preisträger des GOLDENEN LOTES. In der Frage geht es um Feldgeschworene und deren geheime Zeichen. Wieder eine Erkenntnis mehr für die Fernsehzuschauer. „Wir sind im Besitze gewisser Erkenntnisse a priori und selbst der gemeine Verstand ist niemals ohne solche.“ schreibt auch Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft. Allein, es ist für einige Menschen scheinbar schwer, vernünftig zu sein und die Coronaregeln zu akzeptieren. Aber es ist endlich Impfstoff in Sicht bzw. Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Oder, um es mit den Worten des ehemaligen Eintracht Frankfurt-Trainers Stepanović zu sagen: „Lebbe geht weida.“ In diesem Sinne: bleiben Sie gesund!

Ihr

Wilfried Grunau