2021: Anspruch und Wirklichkeit

Der VDV-Jahresrückblick 2021

Impfchaos, immer noch Corona-Pandemie und obendrein eine Flutkatastrophe. 2021 hat bestimmt nicht gerade die besten Voraussetzungen geboten. Gleichwohl ist die Geodäsie einigermaßen gut durchs Jahr gekommen – trotz der doch sehr schweren Rahmenbedingungen. Ein Rückblick.

Januar

Das Jahr beginnt im Lockdown. Alles steht still. Nur die Erde, die dreht sich schneller denn je: Die Länge eines Tages hat in den letzten 5 Jahren um zwei Millisekunden abgenommen. Tempus fugit! Festgestellt haben das die Geodäten der TU München. Und trotz solcher und anderen spannenden Themen hat die Geodäsie einen enormen Nachwuchsmangel. Am Geld liegt’s eher nicht, denn laut einer Anfang Januar publizierten Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln ist das Gehalt der Geodäten O. K., auch wenn es im Vergleich zu anderen Berufsgruppen durchaus noch Luft nach oben gibt. Der Fachkräftebedarf wirkt sich übrigens auch auf die Nachfolge im Ingenieurbüro aus. Die gibt es nämlich so gut wie gar nicht. Ein Thema, mit dem sich beispielsweise der Vorstand des VDV Sachsen in seiner digitalen Sitzung Mitte Januar beschäftigt. Eine der Anregungen: Entrepreneurship muss noch mehr in den Hochschulen verankert werden. Das Thema wird Ende des Monats u.a. auch im Spitzengespräch der Präsidenten von BDVI, DVW und VDV behandelt. Auch das findet, wie alles in dieser Zeit, im digitalen Raum statt.

Februar

Wer in dieser Zeit Kontakte zu Kollegen möchte, der kann sich problemlos zu den Online-Stammtische des VDV zuschalten. Da ist für jeden etwas dabei: Fachvorträge, Pubquiz oder auch einfach nur Smalltalk. Vorteil: Man kommt auf diese Weise mit Kollegen aus anderen Bundesländern in Kontakt, die man sonst nicht so unbedingt trifft und erweitert so sein Netzwerk. Nachteil: Getränke und Snacks gibt’s leider nur auf Selbstversorgerbasis. Premiere feiert in diesen Tagen „Down to Earth“, eine kleine Reality-Serie der Firma Microdrones, die zeigt, wie echte Vermessungsingenieure trotz herausfordernder Bedingungen, unwegsamen Geländes und möglicher Gefahren Daten erheben und in Ergebnisse umwandeln. Eine schöne Werbung für unseren Beruf.

Seit dem 16. Februar 2021 bietet das BKG kostenfrei einen digitalen interaktiven Hochwasseratlas an. Gerichtet nicht nur an die Bürger, sondern auch an Behörden des Bundes und der Länder. War die Flutkatastrophe im Ahrtal fünf Monate später also eine Katastrophe mit Ansage?

März

Am 5. März jährt sich der Geburtstag von Gerhard Mercator, dem wohl berühmtesten Kartographen und Pionier der Geodäten. Mehr als 500 Jahre nach seinem Wirken sind die Geodäten innovativer denn je. Als Beispiel dafür steht Alina Freimuth, Absolventin des Studiengangs Vermessung und Geoinformatik an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, die für ihre Bachelorarbeit „Veredelung der 3D-Gebäudemodelle der Bayerischen Vermessungsverwaltung von LoD2 zu LoD3“ von der Firma Esri den Titel „Student of the Year“ bekommt. Gratulation!

Präsenzveranstaltungen sind immer noch nicht durchführbar, also wird vieles, aber bei weitem nicht alles, in den Hyperspace verlagert, z.B. das Jahresseminar „Bauabrechnung“, das Seminar „BIM und Vermessung“ oder auch die Ausbildung zum zertifizierten Laserschutzbeauftragten. Letztere erweist sich als „Verkaufsschlager“ und wird im Laufe des Jahres noch ein paar Mal wiederholt.

April

Ostfriesland hatte mal den tiefsten Punkt Deutschlands. Heute liegt er in Schleswig-Holstein. Warum das so ist, erläutert das Ostfriesen TV. Wichtig in diesem Kontext: die Vermesser haben sich (natürlich) nicht vermessen. Währenddessen veröffentlicht die Europäische Kommission gleich drei Verordnungen für den Drohnenbetrieb. Letztere haben auch Auswirkungen auf die Arbeit der Geodäten. Apropos: Welche konkreten Auswirkungen hat eigentlich die Künstliche Intelligenz auf die Geodäsie bzw. die Berufsausübung der Geodäten? Welche KI-Technologien setzen sie derzeit bereits ein und wo sind die größten Potenziale? Da es keiner weiß, startet der VDV eine große Umfrage. Das Ergebnis wird im kommenden Jahr in der VDV-Schriftenreihe publiziert werden. Wir dürfen gespannt sein.

Mai

Eigentlich sollte in Leipzig jetzt unser zweijährlicher Bundeskongress stattfinden. Allein es geht nicht. Aus bekannten Gründen. Aber: „Heute ist nicht alle Tage; ich komm wieder, keine Frage“. Also versuchen wir es im kommenden Jahr einfach nochmal. Das Programm steht ja schon und der Termin ist auch schon festgelegt.

„Wir müssen gemeinsam die beste Lösung für unsere Bauwerke finden. Dazu müssen wir lernen, miteinander zu kommunizieren. Und zwar vorher, nicht hinterher.“ Super Online-Vortrag von Bauingenieurin Helene Wehner zu „Anforderungen an die Vermessung im Rahmen einer BIM-Planung“, organisiert vom VDV Bayern-Süd. Und auch in den Bezirken Hessen-Süd und Dortmund gibt es Online-Veranstaltungen; sogar aus Kanada und dem Krankenhaus schalten sich Kolleginnen zu.

Seine Lebensleistung für das Vermessungswesen darf man durchaus mit dem Begriff legendär charakterisieren. Am 22. Mai ist er nun im 93. Lebensjahr für immer von uns gegangen: Manfred Gombel. Der VDV trauert um einen Pionier und äußerst liebenswerten Menschen.

Juni

In einer außergewöhnlichen Aktion des amtlichen deutschen Vermessungswesens werden die vermessungstechnischen Grundlagen für die gesamte Republik erneuert. Dazu entsenden die Landesvermessungsämter und das Bundesamt für Kartographie und Geodäsie Messtrupps in das gesamte Bundesgebiet von der Küste bis zu den Alpen. Ihr Auftrag: eine vollständige Überprüfung von 250 grundlegenden Vermessungspunkten Deutschlands in Position und Höhe mit dem Ziel, die neuen Koordinaten auf den Millimeter genau zu bestimmen.

Nach dem Start im November des vergangenen Jahres und einer mehr als sechsmonatigen sorgfältigen Kalibrierung der modernsten Mission zur Messung des Meeresspiegelanstiegs ist jetzt auch der Satellit Copernicus „Sentinel-6 Michael Freilich“ einsatzbereit. Der Satellit wird alle zehn Tage fast die kompletten eisfreien Ozeane kartieren und wichtige Informationen für Klimastudien liefern. An Bord hat er dazu ein Radargerät, das präziser messen kann als andere Satelliten. Gesteuert wird der Satellit von Darmstadt aus.

Die ersten Präsenztermine sind auch wieder möglich. Genutzt werden sie beispielsweise für die verdiente Auszeichnung der Prüfungsbesten. Live ist so etwas einfach viel besser! Und in Brandenburg sagen sich die GEObiker: Motorrad fahren geht auch, schließlich ist man durch den Helm mit Visier erst einmal geschützt. Und eine Missachtung des Mindestabstandes von unter 2 Metern hätte ohnehin gravierende Folgen für die Biker. Also rauf aufs „Moped“ und ab ins Havelland.

Juli

Im Schloss zu Jever werden bei einer Feierstunde „Geistesblitz und Sonnenstrahl“ 200 Jahre Landesvermessung in Niedersachsen gefeiert. Live dabei nicht nur VDV-Präsident Wilfried Grunau, sondern auch Carl Friedrich Gauß (al. Klaus Kertscher) und sein Sohn Josef Gauß (al. Michael Remmers).

Derweil bietet in Baden-Württemberg die „Aktionswoche Geodäsie“ allen, die im Ländle unterwegs sind und die Welt der Geodäsie näher entdecken wollen, eine Sommerferien-Challenge an. Interessante geodätische Ausflugsziele warten darauf erkundet zu werden.

August

Bei einer Expedition nach Nordgrönland wird unerwartet eine Insel entdeckt, die sich als nördlichstes Stück Land der Erde entpuppt. Eine Entdeckung, die das Königreich Dänemark geringfügig vergrößert. Die Forscher der Universität Kopenhagen sind auch ziemlich erstaunt, als sie während einer großen Expedition die bis dahin vermeintlich nördlichste Insel der Welt – Oodaaq – besuchen und dabei noch nördlicher landen. Das offiziell noch namenlose Eiland liegt 780 Meter nördlich von Oodaaq, einer Insel vor Kap Morris Jesup, dem nördlichsten Punkt Grönlands und damit einem der nördlichsten Landpunkte der Erde.

Die Bundesregierung legt (endlich) ihre „Open-Data-Strategie“ vor. Danach bieten offene Daten „weitreichende Nutzungspotenziale und spielen damit im nationalen und internationalen Datenökosystem eine vielversprechende, eigenständige Rolle“. Stimmt! Und: Hatte der VDV das nicht schon 2016 gefordert?

Dass der Austausch zwischen Bezirken und Landesvorstand auch in schwierigen Zeiten funktioniert ist, zeigt beispielsweise der Landesverband Nordrhein-Westfalen bei seiner Arbeitstagung in Schwerte. Einhelliges Fazit aller Teilnehmer: Dieses Präsenztreffen hat gezeigt, dass der VDV auch in diesen Pandemiezeiten sowohl an der Basis als auch in den politischen Gremien aktiv mitarbeiten und gestalten kann. Klingt gut und ist auch so!

September

It’s INTERGEO-Time. Und tatsächlich: sie findet statt: Live und in Farbe! In Hannover. Mit dabei: der VDV und das BILDUNGSWERK VDV. Die Freude, sich endlich wieder live treffen zu können, ist allenthalben deutlich zu spüren. Und der am besten besuchte Stand ist angeblich der Imbiss-Stand zwischen den Messehallen. Da darf man nämlich ohne Maske hin.

Maskenfrei und unter freiem Himmel, nämlich im Grugapark, trifft sich auch der VDV-Bezirk Essen, währenddessen die Dortmunder mitsamt Familien zu den Römern nach Haltern pilgern. Allenthalben ein großes Hallo, denn es ist sehr schön, die bekannten Gesichter nach so langer Pause wiederzusehen.

Den bundesweiten Tag der Geodäsie gibt es auch in diesem Jahr in Präsenz. Die zahlreichen Aktionen stehen unter dem Motto „Geodäsie für die Zukunft – Beitrag der Geodäsie zur Lösung neuer Herausforderungen“. Es geht darum, Aufmerksamkeit für unseren Beruf zu erzeugen, von COVID-19 über Klimaänderungen bis hin zum demographischen Wandel. Die Themen passen super, die Pandemie macht es den Teilnehmenden aber trotzdem nicht gerade leicht.

Oktober

Deutschlands wohl bekanntester Klimaforscher und Präsident der Deutschen Gesellschaft Club of Rome, Professor Dr. Mojib Latif, wird am 1. Oktober in Köln mit dem GOLDENEN LOT geehrt. Obwohl unter Pandemiebedingungen und unter 2G durchgeführt, wird es ein ganz wundervoller Abend. Und ein kleines Highlight noch am Rande: Nur wenige Tage nach Überreichung der Ehrung an Mojib Latif wird auch dessen Doktorvater Klaus Hasselmann ausgezeichnet: mit dem Nobelpreis für Physik!

Endlich wieder Präsenz – und das wird ausgiebig genutzt: der Landesverband Sachsen-Anhalt trifft sich in der Stadt aus Eisen „Ferropolis“, die Bayern unternehmen eine zweitätige Fachexkursion in den Bayerischen Wald, der VDV-Bezirk Hessen-Nord ist mit Drohnen an bzw. über der Werra unterwegs, der VDV Soest hingegen geht in den Untergrund, genauer gesagt in die Dortmunder Großstollenanlage (ehem. Luftschutzbunker), der VDV Berlin/Brandenburg schaut sich die Baustelle der Stadtautobahn A100 an, die Essener genießen das „Essen Light Festival 2021“ und der VDV-Bezirk Bonn erlebt am Stammtisch die Weltpremiere von „AndroGeo“. Weitere Präsenz-Stammtische gibt es in Bochum, Düsseldorf, Recklinghausen und Köln. Was für ein Monat. Live is Life!

November

Der November wird wieder etwas ruhiger, denn Omikron macht sich, aus Südafrika kommend, so langsam auf den Weg nach Europa. Aber noch geht so einiges auch in Präsenz, beispielsweise trifft sich der VDV Süd-West-Sachsen im Schlossbergmuseum in Chemnitz, gibt es vom BILDUNGSWERK VDV den Wertermittlungstag NRW in Wuppertal, entdeckt der VDV Hessen-Mitte die Fachwerkstadt Grünberg, macht der VDV Mecklenburg-Vorpommern in Schwerin seine Jahresabschlussveranstaltung und tagt der VDV-Bundesvorstand erstmals seit zwei Jahren wieder Face to Face in Hannover.

Nahezu unbemerkt feiern die Stadtplaner am 8. November den „World Town Planning Day“. Gratulation auch an das Startup-Unternehmen Pointly. Das gewinnt nämlich den „Geospatial World Excellence Award 2021“ für das gemeinsam mit der Firma Cloud-Vermessung + Planung durchgeführte Projekt „Deep Learning zur automatischen Erstellung von CAD-Modellen aus Autobahnpunktwolken“. Hilfreich könnte den Feiernden jetzt sicherlich die von Azubis des Bayerischen Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung (LDBV) erstellte Sonderkarte „Brauereien in Bayern“ sein.

Dezember

„Heute ist der internationale Tag des Ehrenamts. Danke an alle, die sich in und für unseren Berufsstand engagieren. Ohne Euch wär alles nichts!“, twittert VDV-Präsident Wilfried Grunau am 5. Dezember. Wie wahr!

Am gleichen Tag, aber nicht aus gleichem Anlass, werden dann noch zwei neue Galileo-Satelliten vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou, Französisch-Guayana, gestartet. Damit befinden sich nun insgesamt 28 Satelliten in der Umlaufbahn und sorgen für präzise Navigationsdienste. Derweil wird vom DIN e. V. die dringlich erwartete Normungsroadmap BIM vorgelegt. In ihr werden Voraussetzungen für die breite Anwendung von BIM in der Praxis aufgezeigt sowie konkrete Handlungsempfehlungen für die BIM-Normung und -Standardisierung gegeben.

Last but not least noch eine Meldung kurz vorm Jahresende: Sollte jemand zufällig am Matterhorn vorbeikommen: der Eindruck täuscht nicht, der 4478 m hohe Berg bewegt sich wirklich! Und zwar mit einer Frequenz von 0,42 Hertz ungefähr in Nord-Süd-Richtung und mit einer zweiten, ähnlichen Frequenz in Ost-West-Richtung. Dabei bewegt sich der Berg auf dem Gipfel bis zu 14-fach stärker als am Fuß. Die Quellen der gemessenen Bergschwingungen sind unterschiedlicher Art: Wind, Erdbeben, die Gezeiten sowie auch von Menschen ausgelöste Erschütterungen. In diesem Sinne: bleiben Sie standhaft,

meint Ihr
Wilfried Grunau