„4.0“ – Modebegriff, Hype oder DIE Zukunft?

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Das Zukunfts-Mantra der aktuellen technisch-gesellschaftlich orientierten Diskussion basiert auf dem Suffix „4.0“. Ursprünglich nur in Kombination mit dem Präfix „Industrie“ verwendet, wird es seit kurzem auch gemeinsam mit „Arbeit“, „Verwaltung“ oder „Staat“ genannt. Ist „4.0“ also nur ein Modebegriff, ein Hype oder gar DIE Zukunft? Auf der Intergeo 2015 wurde „Vier Punkt Null“ beispielsweise zu der Begrifflichkeit „Geospatial 4.0“ verknüpft[1]. Es geht also augenscheinlich um weit mehr als nur Fertigungs- und Automatisierungstechnik. Und welche Rolle spielt in diesem Kontext die so genannte „Digitale Transformation?“

Ganz allgemein gilt für „4.0“, dass die Unternehmen sich von der Verzahnung klassischer Wertschöpfungsketten mit hochmodernen Informationstechnologien gleichermaßen Gewinne und Produktivitätsschübe versprechen[2]. Es geht aber auch um die intelligente und innovative Verknüpfung von Daten und Diensten zu neuen Prozessen. Unter Digitaler Transformation ist nach gängiger Auffassung also die durchgängige Vernetzung aller Wirtschaftsbereiche und Anpassung aller beteiligten Akteure an die neuen Gegebenheiten der digitalen Ökonomie zu verstehen[3]. Bereits ganze Volkwirtschaften setzen sich daher auch intensiv mit der Frage auseinander: Was bringt uns diese so genannte vierte industrielle Revolution?

Fakt ist: „4.0“ steht derzeit stellvertretend für die umfassende Digitalisierung unserer Wirtschaft und dürfte aktuell wohl als einer der zentralen Innovationsfaktoren für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands gelten. Bundesminister Alexander Dobrindt spricht sogar von der größten politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderung seit Jahrzehnten[4]. „4.0“ wird, so man den Wirtschaftsauguren Glauben schenken kann, ganze Wertschöpfungsketten nachhaltig verändern. Im Rahmen neuer Geschäftsmodelle wird die Veränderung demzufolge wahrscheinlich eher disruptiv sein, während die technische Entwicklung dem gegenüber als evolutionär betrachtet wird[5]. Wir bewegen uns in einem Strudel von neuen digitalen Möglichkeiten, stehen aber gerade noch am Anfang dieser Entwicklung. So zumindest bezeichnete es kürzlich der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom[6]. Auf dem Weg zur digitalen Zukunft kommen damit massive neue Anforderungen auch (oder gerade) auf die Ingenieure zu. Gefragt sind verstärkt Generalisten, die mehrere klassische Fachgebiete im Blick haben und natürlich sollte der „Ingenieur 4.0“ gut kommunizieren können[7]. Der Mangel an entsprechenden Fach- und Führungskräften wurde zwar schon oft thematisiert, aber nur selten mit Blick auf die digitale Transformation, denn hier hat Deutschland, haben die deutschen Unternehmen ein eklatantes Defizit, wie eine Studie des Marktforschers Crisp Research ergeben hat: gerade einmal sieben Prozent der Entscheider haben die nötigen Qualifikationen zum „Digital Leader“[8]. Aber immerhin ist inzwischen bei vielen Entscheidungsträgern angekommen, dass die Wandlung der Gesellschaft hin zum Digitalen starke Auswirkungen auf die Wirtschaft hat und dass dringender Handlungsbedarf besteht.

Wir Geodäten sind aufgrund unserer Ausbildung und unserer Querschnittskompetenzen geradezu prädestiniert, hier führende Positionen einzunehmen. Qualifikation wie auch Veränderungsbereitschaft sind nun einmal wichtige Voraussetzungen für gelungene Reformprozesse und notwendig, um sich am Markt zu behaupten[9]. Und Innovationen waren uns Geodäten nie fremd. Es ist uns in unserer praktischen Arbeit stets gelungen, die althergebrachten Ergebnisse und Unterlagen zu bewahren, gleichzeitig aber auch umfassend zu modernisieren und uns auf diese Art und Weise zu jeder Zeit den Anforderungen des Zeitgeistes zu stellen[10]. Geodäten gestalten den Wandel[11] und sind ergebnisorientiert. Sie wirken entscheidend bei der Lösung nahezu aller Megathemen unserer Zeit mit, seien es nun Umwelt-, Energie-, Infrastruktur- oder andere konkrete Zukunftsaufgaben. Wichtig ist natürlich, dass wir in der heutigen Zeit nicht nur von unserem technologischen Vorsprung zehren dürfen, sondern vorhandenes Wissen auch weiterhin kreativ nutzen und verantwortungsvoll zu neuen, lukrativen Produkten und Dienstleistungen kombinieren müssen. Und: Unser reichhaltig vorhandenes Potenzial kann vor allem nur dann ausgeschöpft werden, wenn die verschiedenen Akteure auch voneinander lernen und miteinander kooperieren. Für Einzelkämpfertum ist in der digitalen Welt kein Platz[12].

Einer aktuellen Bitkom-Umfrage zufolge gibt nahezu jedes zweite Unternehmen an, dass Wettbewerber aus der Internet- oder Digitalbranche in ihre Märkte drängen. Jedes dritte Unternehmen sieht sich für die Digitalisierung nicht ausreichend vorbereitet, jedes fünfte sogar in seiner Existenz bedroht[13]. Die digitale Transformation ist also nicht nur im Kommen, sondern allenthalben schon Realität. Ausgebremst höchstens durch (noch) nicht vorhandene Breitband- oder Glasfasernetze. Aber auch die sind, legt man den Koalitionsvertrag der Bundesregierung zugrunde, nur noch eine Frage der Zeit[14].

Und analog dazu (fast schon eine anachronistische Begrifflichkeit in diesem Kontext) erfolgt ein gravierender Wandel in der Arbeitswelt. Und genau diese Entwicklung wirft Fragen auf: Haben wir in Zukunft noch Arbeit? Wie sieht sie aus? Wie verteilt sie sich? Ist sie kreativ oder monoton?[15] Die Veränderungen in Gesellschaft und Arbeitswelt sowie die damit verbundene Unsicherheit bedürfen dabei sicherlich eines anderen, neuen Wertegerüstes. Dies natürlich auf der Basis von Eigenverantwortung und Eigeninitiative. Die zusätzliche Herausforderung aber liegt insbesondere, neben den technischen und wirtschaftlichen Fragestellungen, in der gesellschaftlichen Einbettung der „Perpetual Disruption“[16] und den Diskussionen um den Nutzen (beispielsweise) von Big Data für unser Gemeinwesen. Nötig ist also nicht nur die Diskussion über die soziale Technikgestaltung, sondern auch über die soziale Gesellschaftsgestaltung, in der wiederum auf die Risikomündigkeit der Menschen vertraut wird[17].

Alles in allem Themenfelder, die wir Geodäten keinesfalls unbesetzt lassen dürfen. Der Bundesvorstand des VDV hat sich auf seiner Herbstsitzung daher beispielsweise nicht nur mit den Anforderungen des Building Information Modelling (BIM) – auch Industrie 4.0 der Baubranche[18] genannt – befasst, sondern darüber hinaus den Paradigmenwechsel mit Blick auf die „Arbeit 4.0“ eingehend diskutiert.

Unsere Welt ist komplex, global und schnelllebig geworden. Wir können zwar überblicken, was in den vergangenen 10 Jahren geschehen ist, wissen aber nicht, was in den nächsten 10 Monaten geschehen wird[19]. Daher ist es auch von eminenter Bedeutung, die Menschen darin zu unterstützen, den laufenden Transformationsprozess besser zu verstehen und sachgerecht mit den digitalen Möglichkeiten umzugehen. Das Innovationshandeln von Unternehmen sollte sich folglich nicht nur auf die Bewältigung technischer Herausforderungen konzentrieren[20], sondern immer auch – mit Blick auf die Humanisierung des Arbeitslebens[21] sowie die vermehrt geforderte ausgewogene Work-Life-Balance – konsequent auf aufklärende Information und stringente Beteiligung der Betroffenen setzen. Wir befinden uns vor einer großen Herausforderung, die aber zugleich auch eine Riesenchance bedeutet, denn die einzige Konstante in der (digitalen) Welt ist der Wandel[22]. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales bemerkt dazu: Nicht nur Technologien verändern die Wirklichkeit, sondern auch gewandelte gesellschaftliche Ansprüche und Werte[23].

Eine klassische Trennung der unterschiedlichen Interessenlagen, sprich: Technologischer Fortschritt und stetig zunehmende Vernetzung versus neuer Erscheinungsformen von Arbeitsabläufen und Lebensrealitäten, wird immer schwerer. In Deutschland mangelt es zwar nicht an Zusammenschlüssen und Plattformen zur Diskussion der digitalen Transformation, eine koordinierte Bündelung dieser Initiativen und Aktivitäten wäre durchaus sinnvoll. Eine Vorreiterrolle könnte dabei, laut einer Studie von Roland Berger, beispielsweise der Nationale IT-Gipfel spielen, den die Bundesregierung aktuell entlang der sieben Handlungsfelder der Digitalen Agenda weiterentwickelt und neu ausrichtet[24].

Im Zuge der digitalen „4.0-Transformation“ werden viele Prozesse neu definiert oder sogar neu geschaffen. Wir haben hier eine komplexe Problemstellung und Gemengelage, deren Reichweite und Bedeutung wir heute noch nicht abschließend einschätzen können. Eines aber ist sicher: Die Digitale Transformation ist in vollem Gang und es wird viele notwendige Veränderungen und Verschiebungen geben. Einige davon gravierend, andere nur marginal. Und sehr wahrscheinlich wird uns die notwendige Diskussion auch noch eine ganze Weile begleiten, aber am Ende haben wir die Chance, ganz anders mit Wissen, Technologie und Arbeit zu agieren als bisher.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein erfolgreiches 2016

Ihr
Wilfried Grunau


[1] Gesellschaft für Geodäsie, Geoinformation und Landmanagement (DVW). Presseinformation zur Intergeo 2015.

[2] Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). www.zew.de/de/aktuell/3030/zew-wirtschaftsforum-2015-offenbart-baustellen-der-digitalisierung. Abgerufen am 26.11.2015

[3] Roland Berger Consultants / BDI: Die digitale Transformation der Industrie. München, Berlin 2015

[4] Dobrindt, Alexander: Grußwort zum Digital Transformation Award 2015.

[5] Dagmar Bornemann: Industrie 4.0. In: Impulse Wirtschaft und Politik. Friedrich-Ebert-Stiftung, 1994.

[6] Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Die Vernetzung der Welt. www.zew.de/de/aktuell/2847/wirtschaftspolitik-aus-erster-hand-am-zew–telekom-vorstandsvorsitzender-timotheus-hoettges-sieht-wachstumschancen-fuer-industrie-40-in-europa7. Abgerufen am 26.11.2015.

[7] Scholz, Gerd. In: Automobilwoche Online v. 12.04.2015.

[8] Crisp Reseach: Digital Leader – Leadership im digitalen Zeitalter. 2015

[9] Grunau, Wilfried: VDVmagazin 1/2010, Seite 5.

[10] Grunau, Wilfried: Geodäsie ist wichtig! Editorial AVN 7/2012, S. 241.

[11] Thöne, Karl. In: Das deutsche Vermessungs- und Geoinformationswesen. Wichmann Verlag, 2015

[12] Schön, Nadine: Digitale Transformation. Was Wirtschaft und Arbeit treibt. In: ZBI-Nachrichten 4/2015.

[13] Bitkom e.V.: Presseinformation. 2015. www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/IT-Gipfel-gibt-Digitalisierung-starke-Impulse.html. Abgerufen am 26.11.2015

[14] Deutschlands Zukunft gestalten. Koalitionsvertrag 18. Legislaturperiode. Berlin, 2013.

[15] Bitkom e.V.: Perspektive der Arbeit. www.bitkom.org/Themen/Branchen/Industrie-40/Perspektive-der-Arbeit.html. Abgerufen am 26.11.2015

[16] Veuve, Alain: Warum wir den Begriff Digitale Transformation ersetzen müssen. www.alainveuve.ch/warum-wir-den-begriff-digitale-transformation-ersetzen-muessen. Abgerufen am 26.11.2015.

[17] Bornemann,  a.a.O.

[18] Borrmann, André: Building Information Modeling, Springer Verlag, 2015.

[19] Mohn et. Al. (Hrsg.): Werte. Was die Gesellschaft zusammenhält. Verlag BertelsmannStiftung, 2007.

[20] Kagermann et. al. (Hrsg.): Deutschlands Zukunft als Produktionsstandort sichern. 2013.

[21] Bieneck, Hans-Jürgen: Humanisierung des Arbeitslebens – ein sozial- und forschungspolitisches Lehrstück. In: Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 63(2), 2009.

[22] Werner, Rolf: Digitale Transformation. Das einzig Konstante ist der Wandel.  www.haufe.de/marketing-vertrieb/online-marketing/digitalisierung-alle-macht-den-kunden/digitale-transformation-das-einzig-konstante-ist-der-wandel_132_306666.html. Abgerufen am 26.11.2015

[23] BMAS: Grünbuch „Arbeiten 4.0“. Berlin, 2015

[24] Roland Berger, a.a.O.

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