Der Klimawandel und die Geodäsie

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Der Klimawandel gilt als eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit. Eine der Kernfragen in diesem Kontext lautet: Warum wissen wir so viel und handeln dennoch so wenig? Die Lücke zwischen den wissenschaftlichen Erkenntnissen um die Dringlichkeit des Handelns und der Schwierigkeit, Maßnahmen angemessen umzusetzen, ist eklatant. Nach dem letzten Stand der Klimaforschung gilt es als sicher, dass die durch den Menschen verursachten Klimaänderungen die natürliche und menschliche Lebenswelt ganz erheblich beeinträchtigen werden[1]. Im Pariser Klimaschutzabkommen haben sich deshalb knapp zweihundert Staaten vor vier Jahren in Nachfolge des so genannten Kyoto-Protokolls darauf verständigt, den Anstieg der Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius im Vergleich zu den vorindustriellen Werten zu reduzieren. Allein die Umsetzung dieses Abkommens zieht sich seitdem hin und zeigt – wenn überhaupt – nur minimale Erfolge.

Wir Geodäten können mit unserer fachlichen Expertise zur Erreichung dieses wichtigen Ziels beitragen, denn es sind unsere Verfahren und unsere fachübergreifenden Kompetenzen, die hier zum Einsatz kommen. Die Geodäsie liefert mit ihrer globalen Sensorik äußerst wichtige Fakten für die Klimaforschung und stellt verlässliche Indikatoren zur Verfügung. Beispielhaft genannt sei an dieser Stelle das Satellitensystem GRACE (Gravity Recovery And Climate Experiment). Informationen über das Abschmelzen von Eismassen in Polargebieten und kontinentalen Gletscherregionen oder der stetige Anstieg des Meeresspiegels sind von hohem Interesse und existentiell. Auch in regionalen und lokalen Maßstäben finden dramatische Veränderungen statt. Spiegeln sie den zunehmenden menschlichen Eingriff in klimatische Prozesse wider oder sind sie nur Teil einer natürlichen Variabilität? Können wir sie gegebenenfalls im Rahmen einer geeigneten Klima- und Umweltpolitik beeinflussen? Um diese zentralen Fragen zu beantworten, sind aktuelle Daten wie beispielsweise die Höhe des Meeresspiegels oder die Länge von Gletscherzungen und deren Veränderungen möglichst genau zu erfassen und in Zeitreihen zur Erfassung von Veränderungen einzuordnen.[2] Konkrete Maßnahmen brauchen fundierte Geoinformationen. Dies gilt global ebenso wie lokal. Die Aufgabenfelder der Geodäten im Klimaschutz sind daher auch äußerst vielfältig und reichen von der Erarbeitung kommunaler Klimaschutzkonzepte oder auch der Mitwirkung bei der Standortplanung und Verwirklichung von Windkraft-, Biogas- und Solaranlagen, über Verkehrsinfrastrukturplanungen bis hin zu den beispielhaft bereits genannten globalen Fernerkundungssensoren.

Aber einfach nur die Fakten der Klimawissenschaft zu kennen, reicht für die Festlegung oder Initiierung von weltweiten politischen Entscheidungen leider nicht aus, denn die Maßnahmen werden nicht durch das bestimmt, was die Wissenschaft anhand konkreter Daten ermittelt, sondern durch das, was die Menschen denken, das die Fakten bedeuten, und wie sie diese in Bezug auf ihre eigenen Überzeugungen und Werte interpretieren[3]. Es geht somit um Wertentscheidungen und Fragen der Gerechtigkeit, denen sich die Wissenschaft – und somit auch die Geodäsie – als ein Akteur unter vielen in einer demokratischen Gesellschaft stellen muss[4]. Es sind komplexe Lösungen, die nicht allein von der Wissenschaft gefunden werden können. Gleichwohl: noch haben wir die Möglichkeit und damit auch die Verantwortung, eine Klimakatastrophe abzuwenden. Lassen Sie uns diese Chance nutzen!


[1] Cook, J., et al.: Consensus on consensus: a synthesis of consensus estimates on human-caused global warming. Environ. Res. Lett.11, 4, 048002, 2016.

[2] Die Geodäten und die Energiewende. Positionspapier der IGG. 2013.

[3] M. Hulme: Zwischen Fakten und Bedeutung: Kulturelle Kontexte in der Klimawandelkommunikation. In : promet, Heft 101, 2018

[4] Deutsches Klima-Konsortium (DKK), 2015: Perspektiven für die Klimaforschung 2015 bis 2025.

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